Alte auf Schatzsuche

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Über 400'000 ältere Menschen leben in der Schweiz allein. Sie suchen im Internet oder Altersheim einen neuen Schatz. Ein steiniger Weg für Frauen. Sie sind in der Überzahl.

Catherine Boss und Lena Würgler
recherchedesk@sonntagszeitung.ch

Herta Jecklin, 89, verbringt drei Tage pro Woche mit ihrem neuen Schatz. Er wohnt in der Altersresidenz Tertianum in Zürich-Enge einen Stock unter ihr. Sie hat ihn in der Jassgruppe kennen gelernt. «Ich will frei sein und unabhängig. Aber für einen Teil der Woche ist eine tolle Partnerschaft in Ordnung», sagt sie. Und lacht verschmitzt. Sie wirkt nicht wie eine Frau, die sich zum alten Eisen zählt.

Die Ansprüche älterer Leute verändern sich rasant. Socken stricken und Kreuzworträtsel lösen reichen als Beschäftigung längst nicht mehr. Sie wollen raus, reisen, arbeiten, sich vernetzen – bis ins hohe Alter.

«Ich will frei sein und unabhängig. Aber für einen Teil der Woche ist eine tolle Partnerschaft in Ordnung», sagt Herta Jecklin.

Doch was vielen fehlt, ist ein Partner, mit dem sich der letzte Lebensabschnitt teilen lässt. Einsamkeit bedrückt die alten Menschen. Mehr denn je leben Seniorinnen und Senioren allein. Ein Grund dafür ist die steigende Scheidungsrate unter Rentnern. Laut Zahlen des Bundesamtes für Statistik liessen sich zwischen 2010 und 2015 jährlich über 3000 Pensionäre scheiden. 1995 waren es noch rund 900. In der Schweiz leben über 400 000 Menschen im Alter von über 65 Jahren allein.

Nun zeigen neue Zahlen von Partnervermittlungsstellen, dass immer mehr Seniorinnen und Senioren gegen das Alleinsein in die Offensive gehen. Die Partner­suche selbst im hohen Alter liegt im Trend. Bei Parship sind bereits 5 Prozent der Nutzer Senioren. Und es werden immer mehr.

Auch die Schweizer Organisation Rent a Rentner bietet seit wenigen Monaten eine Partnersuche an. Bereits sind 1700 Rentner bei Date a Rentner mit dabei. «Der Älteste ist 85-jährig», sagt Reto Dürrenberger, der die Plattform betreibt. Jeden Monat kämen 100 neue Nutzer hinzu.

«Diese Leute sind liebeshungrig. Sie wollen nicht mehr allein sein», sagt er. Die Furcht vor der Einsamkeit sei unter Senioren ein grosses Thema.

Auch der ältere Herr, der vor drei Monaten in Dürrenbergers Büro stürmte, konnte das Alleinsein nicht ertragen. Seine Frau sei vor kurzem gestorben, erzählte er. Er brauche eine neue Partnerin. Die Einsamkeit sei nicht mehr auszuhalten.

«Oft fackeln die Leute nicht lange», sagt Dürrenberger, «sie schreiben ein- oder zweimal hin und her. Dann kommt es zwei Tage später zum Treffen.» Bei vielen komme es ihm vor, als wollten sie keine Zeit verlieren.

Auf der Suche nach einem Mann: Erika Dietiker, 67.

Bild: Esther Michel

Erika Dietiker aus Baselland ist 67 Jahre alt. Sie gehört zu den jüngeren Nutzern von Date a Rentner. Drei- bis viermal die Woche ist sie im Internet und schaut sich die Profile von Männern an. Sie möchten es mit der Liebe noch einmal versuchen, sie wünscht sich einen Gefährten, um gemeinsame Interessen zu teilen, um zu reisen, zu kochen, um tiefgründige Gespräche zu führen. Sie möchte weniger allein sein.

«Wenn ich heute vom Kino nach Hause komme, ist keiner da, mit dem ich über den Film reden könnte», sagt sie.

Doch die Suche ist kein Honigschlecken. Es braucht Mut, manchmal Überwindung. Sie hat früher auf anderen Partnervermittlungsseiten gesucht und Übles erlebt. So lockte ein Mann sie zu einem Treffen, der sich als Single ausgab, sich dann aber als verheiratet entpuppte und nur an Sex interessiert war. Auch erhielt sie Avancen von Männern, die dreissig und mehr Jahre jünger waren als sie. «Sie stehen auf ältere Frauen. Aber das ­interessiert mich nicht», sagt Dietiker.

Auch andere Frauen hätten ihr von solchen Erfahrungen erzählt. Plattformbetreiber Dürrenberger erzählt, bei Partnersuchenden hätten es auch schon Kriminelle mit dem Enkeltrick versucht.

Erika Dietiker nimmt es locker – sie sucht weiter. In zwei Wochen hat sie ein Date. «Mal sehen. Er wirkt sympathisch», sagt sie.

Geschlechterdifferenz: Etwa zwei Drittel Singlefrauen stehen einem Drittel alleinstehenden Männern gegenüber.

Viele Frauen sind unsicher. Sollen sie es nochmals wagen? Oder doch besser allein bleiben? «Ich habe Angst, mich nochmals einzulassen», sagt Christa B., 74, aus ­Zürich. Die Männer in ihrem Alter sähen schnell wie Greise aus. Und sie seien unselbstständig. «Sie schlafen mental fast ein. Ich will mich nicht langweilen, und auf keinen Fall mag ich die umsorgende Hausfrau und Krankenschwester sein.» Lieber verzichte sie da auf einen Mann – und auch auf Sex. Nicht, weil sie keine Lust mehr habe. «Es fehlt mir. Aber ich will deshalb nicht irgendeinen nehmen», sagt sie.

Die schlechteren Karten der Frauen haben unter anderem mit der Demografie zu tun. Noch immer leben Frauen deutlich länger als Männer. Laut Bundesamt für Statistik sind nach der Pensionierung 15 Prozent der Männer allein. Bei den Frauen sind es 38 Prozent oder 334 000. In den Altersheimen machen sie 71 Prozent der Bewohner aus. Für Seniorinnen auf Partnersuche ist die Auswahl an Männern somit begrenzt. Für die Senioren ist es gerade umgekehrt.

Einsam: 334'000 Frauen im Alter von über 65 Jahren lebten 2015 allein.

Bild: Sebastien Annex

Kein Wunder, erzählen Frauen von Eifersuchtsszenen im Altersheim. Die eine hat ihrem neuen Partner die «Küsschen» untersagt, die er nach dem Mittagessen einzelnen Frauen am Lift jeweils gab. Und erntete dafür giftige Blicke. Ein Heimleiter berichtet von einem Mann, der selbst zwar kaum Interesse an einer Beziehung zeige. Doch jedes Mal, wenn sich eine Frau neben ihn setze, gebe es eifersüchtige Blicke der anderen Altersheimbewohnerinnen.

Eine Auswertung der Parship-Daten zeigt, dass Frauen bei der Partnersuche bis zum Alter von 50 Jahren noch die besseren Chancen haben als Männer. Doch dann kippt es. Die Senioren erhalten über die Partnervermittlung im Schnitt rund fünf Rendez-vous und finden in 47 Prozent der Fälle eine neue Partnerin. Die Frauen hingegen kommen durchschnittlich auf knapp drei Treffen und finden in 31 Prozent übers Internet einen neuen Mann.

Anglerglück: Die Männer fischen eindeutig in einem viel grösseren Teich.

Nicht nur die grössere Anzahl Seniorinnen sorgt für dieses Ungleichgewicht. Laut den Parship-Zahlen liegt es auch daran, dass Senioren eher jüngere Frauen suchen, Rentnerinnen hingegen bevorzugen Männer in ihrem Alter. Die Männer fischen demzufolge in einem viel grösseren Teich.

Pasqualina Perrig-Chiello, Forscherin an der Universität Bern, hat Paarbeziehungen in der zweiten Lebenshälfte studiert. Eine Umfrage unter Senioren hat ergeben, dass rund 48 Prozent der Männer sechs Jahre nach einer Scheidung wieder in einer Beziehung leben. Bei den Frauen sind es nur rund 25 Prozent.

Es gibt für Frauen bei der Partnersuche ein weiteres Hindernis – sie selbst. Sie sind wählerisch. Während Männer eher eine Partnerin suchen, um den Alltag zu meistern, haben Frauen viel grössere Erwartungen, sagt Perrig-Chiello. «Sie suchen einen Partner in einer guten sozialen Situation, der kulturell interessiert und dynamisch ist», sagt sie.

«Er hat mir während des ganzen Treffens von seiner verstorbenen Frau und seinem Rückenleiden erzählt.»

Bild: Sebastien Annex

Das ist schwer zu finden. Ria, 70, ist seit acht Jahren geschieden. Auch sie suchte bis vor kurzem einen Mann. Die Westschweizerin hat sich einmal in einer Crêperie mit einem Herrn getroffen, den sie im Internet kennen gelernt hatte. «Er hat mir während des ganzen Treffens von seiner verstorbenen Frau und seinem Rückenleiden erzählt», sagt sie. Für sie habe er sich nicht interessiert, also habe sie ihm erklärt, dass sie seine Frau nicht ­ersetzen könne. «Im Grunde genommen sind solche Kontakte unerträglich traurig», sagt sie. Sie hat die Suche aufgegeben.

Viele Frauen haben über Jahre hinweg ihren Gatten umsorgt. Sie finden, nach dessen Tod seien jetzt sie an der Reihe. Sie wollen den letzten Lebensabschnitt so gestalten, wie es ihnen entspricht. So dachte auch Marcelle, 81, seit acht Jahren verwitwet. Doch es kam anders. Sie hat ihren Marcel, 92, vor zwei Jahren in einer Westschweizer Altersresidenz kennen gelernt. «Für mich war das Thema Liebe eigentlich bereits abgeschlossen», sagt sie. Doch bei einem Ausflug kamen sie sich näher. Er hatte Probleme mit den Augen, sie half ihm zurechtzukommen. Schnell stellten sie fest, dass mehr als nur der gleiche Vorname sie eint. Heute sind sie ein Paar.

Die Berner Studie zeigt, dass Frauen deutlich intensivere soziale Kontakte pflegen als Männer. Sie werden von der Familie auch stärker unterstützt.

Und auch Herta Jecklin ist die Gratwanderung zwischen Freiheitswillen und Partnerwunsch gelungen. Sie hat in der Zürcher Altersresidenz einen Mann gefunden, der sie auf Händen trägt. Von Freitag bis Sonntag verbringt sie Zeit mit ihm. Sie wirkt glücklich. Sie reisen viel. «Alles ist gut», sagt sie mit einem Augenzwinkern, «doch am Sonntag um 22 Uhr sehne ich mich danach, wieder allein zu sein – in meinen eigenen vier Wänden.»

Interview mit Pasqualina Perrig-Chiello, emeritierte Professorin der Universität Bern

«Ältere Frauen sind stärker von Sexismus betroffen als junge»

Pasqualina Perrig-Chiello, emeritierte Professorin der Uni Bern, hat mit einer grossen Umfrage unter Senioren die Folgen einer Trennung nach über 40 Ehejahren studiert. Dazu erscheint im Juni ihr Buch mit dem Titel «Wenn die Liebe nicht mehr jung ist».

Warum haben Sie sich für Scheidungen von älteren Menschen interessiert?
Bisher hat sich die Wissenschaft darauf konzentriert, zu erforschen, welche Folgen eine Trennung bei einem Paar mit kleinen Kindern hat. Es gab eine Lücke, die ich füllen wollte.

Warum lassen sich immer mehr Paare im Seniorenalter scheiden?
Abgesehen davon, dass die Lebenserwartung gestiegen ist, haben die Babyboomer eine viel liberalere Haltung bezüglich Heirat und Scheidung als frühere Genera­tionen. Wenn die Kinder das Haus verlassen haben, sehen viele keinen Sinn mehr darin, die Ehe weiterzuführen, wenn die Beziehung nicht funktioniert.

Wie unterschiedlich reagieren Frauen und Männer auf eine Scheidung nach ­langer Ehe?
Wenn man sich nach einer sehr langen Partnerschaft trennt, bleibt auch ein Teil seiner eigenen Identität auf der Strecke. Die Frauen ­reagieren darauf zum Teil mit ­Depressionen und brauchen viel Zeit, um sich neu zu definieren. Die Männer leiden besonders an der Einsamkeit und versuchen die Leere möglichst schnell mit einer neuen Partnerschaft zu füllen.

Pasqualina Perrig-Chiello, «Wenn die Liebe nicht mehr jung ist», Verlag Hans Huber, 256 Seiten, 33.90 Franken.

Gibt es auch Unterschiede, wie alte Leute eine neue ­Beziehung gestalten wollen?
Ja. Während die Mehrheit der Männer mit der neuen Partnerin zusammenleben will, ziehen die Frauen getrennte Wohnsitze vor. Sie wollen sich nicht erneut um einen Haushalt kümmern. Viele empfinden es als Befreiung, alleine zu leben, und wollen die neue Unabhängigkeit geniessen.

Warum hat das Alter für Frauen negativere Auswirkungen bei der Partnersuche als bei den Männern?
Ältere Frauen sind viel stärker von negativen Stereotypen betroffen. Da Frauen generell besonders nach ihrem Aussehen beurteilt werden, wirkt sich die körperliche Alterung stärker aus. Die Gründe dafür sind komplex, aber man kann mit Sicherheit sagen, dass ältere Frauen stärker von Sexismus betroffen sind als junge.
Interview: Lena Würgler

Gestaltung: Lena Würgler und Catherine Boss
Bild: Sebastien Annex

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